Kann Johnson das Vereinigte Königreich mit seiner Strategie zum „großartigsten Land der Erde“ machen?

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Kann Johnson das Vereinigte Königreich mit seiner Strategie zum „großartigsten Land der Erde“ machen? Zu welchen taktischen Mittel Johnson greift, um sein Versprechen einzulösen.

Überrascht über das Ergebnis war im Kongresszentrum Londons vor wenigen Tagen wahrscheinlich niemand. Johnson setzte sich bei der innerparteilichen Wahl mit zwei Drittel der Stimmen souverän und mehr als deutlich durch. Johnson bezeichnete die Wahl in seiner anschließenden Rede als „historischen Moment“. Noch vor drei Jahren befand ihn selbst ein Teil seiner Partei als unfähig, das Königreich zu führen. Heute hingegen ist er der Hoffnungsträger der verzweifelten Tories, denen immer mehr Wähler davonlaufen.

 

„Wir werden den Brexit bis zum 31. Oktober umsetzen“

Der vermeintliche Retter der Konservativen gibt ein klares Signal und eine erste klare hohe Forderung in Richtung Brüssel ab. „Wir werden den Brexit bis zum 31. Oktober umsetzen. Wir werden dieses fantastische Land einen.“, ruft er mit gewohntem Optimismus. Ist der blanke Größenwahn oder eine kluge Taktik?

Er will alles besser machen, doch wie genau verschweigt er. Er betonte nur immer wieder seine klare Absicht, den zwischen London und Brüssel vereinbarten Deal neu zu verhandeln und den verhassten Backstop aus dem Vertrag streichen zu wollen, die Garantie für eine unbefestigte Grenze zwischen der Republik Irland und der Provinz Nordirland. Er droht der EU sogar damit, die Ausstiegszahlung von 39 Mrd. Pfund zurückzuhalten.

 

Große Worte – und klare Drohungen für einen Verhandlungserfolg?

Bei seiner ersten Rede vor dem Unterhaus als neuer Premier versprach Johnson, Großbritannien wieder Größe zu verleihen. Gegen alle Skeptiker wolle er „dem großartigen Vereinigten Königreich“ neue Energie verschaffen und es zum „großartigsten Land der Erde“ machen.

Die Bestimmungen des Brexit-Abkommens mit der EU bezeichnete Johnson als „inakzeptabel“. Er drohte auch hier erneut, im Falle eines ungeregelten Brexits die Austrittsrechnung von 39 Mrd. Pfund nicht zu begleichen und das Geld stattdessen in die Vorbereitungen eines vertraglosen Austritts zu stecken. Diese „Druck-Strategie“ könnte Johnson die Tür für einen erneuten Verhandlungseintritt öffnen.

 

Taktische Weichmacher als Zeichen der Kooperationsbereitschaft?

Johnson wiederholte sein Versprechen, Großbritannien werde die EU „am 31. Oktober oder auch früher“ verlassen. Erneut ein klares Druckmittel.

Er hoffe, dass die EU sich noch einmal zu den Verhandlungen bereit erkläre. „Falls nicht, werden wir natürlich ohne Abkommen austreten“ sagt der neue Premier. Ihm liege aber am Herzen, eine Brexit-Vereinbarung zu haben, betonte er. Liest man hier ein wenig zwischen den Zeilen, sollten einem die Wortlaute „er hoffe, dass“ und „es liege ihm am Herzen“ auffallen, die klare Weichmacher sein können. Je nachdem wie diese vom Gegenüber interpretiert werden, können sie aber auch seine zuvor gemachten hohen Forderungen und Drohungen entkräften.

 

Frust-Prinzip als zusätzliche Taktik für Gesprächsaufnahme?

Um in eine festgefahrene Verhandlung neu einzutreten zu können, gibt es zwei Möglichkeiten. Diese basieren auf dem Lust-Frust-Prinzip. Sprich, dem Verhandlungspartner etwas attraktives anzubieten oder es ihm zu verwehren.

Hat Johnson also in diesem Fall mit dem möglichen Verweigern der Austrittszahlung einen wunden Punkt getroffen, der zum Frust führen könnte, könnte ihm dies trotz aller pauschalen Widerstände die Tür zum Verhandlungstisch öffnen. Ein solches Vorgehen kann in Verhandlungen durchaus erfolgreich sein.

 

Was hat Johnson besser gemacht als seine Vorgängerin May?

Um zusätzlich volle Rückendeckung im eigenen Kabinett zu haben, hat Johnson einen radikalen Schnitt vollzogen und die Hälfte der Ministerämter neu besetzt.

Diese könnte aus taktischer Sicht ein absolut sinnvoller Schachzug sein, um für die nächsten Wochen eine 100%ige notwendige Rückendeckung und ein klares und abgestimmtes Mandat zu haben, was Theresa May all die Monate gefehlt hatte.

Diese Taktik geknüpft mit den sehr hohen und klar formulierten Forderungen und einer absolut „dargestellten“ Entschlossenheit dürfte auch Brüssel sensibilisieren lassen. Spannend wird es, wie Brüssel reagieren wird, wenn sich der Druck in den nächsten Wochen erhöht und ob Johnson mit dem Frust-Prinzip Erfolg hat. Johnson wird von vielen als geistesabwesend bezeichnet und viele Berichterstatter sprechen davon, dass Johnson sich durch die sehr hohen Forderungen in eine Sackgasse manövriert, aus der er nicht ohne einen Gesichtsverlust herauskommen wird.

Doch an dieser Stelle sei gesagt, dass eine Sackgasse in schwierigen Verhandlungen oft sogar notwendig ist, um ein gutes Ergebnis am Ende des Verhandlungsprozesses erzielen zu können.

Die Frage ist nur, kann Johnson den Prozess wirklich professionell steuern und behält er die Nerven, wenn es zum Showdown kommt? Wenn ja, ist hier durchaus eine Überraschung möglich, die sich zurzeit wohl die wenigsten vorstellen können.

 

Hanseatische Grüße

Adrian Brandis

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